KAIROS

Plädoyer für eine europäische Identität des Ruhrgebiets.

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Es geht mir um die Frage, was das Ruhrgebiet als zentraler europäischer Ort zur Entwicklung Europas und seiner Werte und Maßstäbe in der Welt beitragen kann. Kann es das überhaupt? Und worin könnte dieser Beitrag bestehen? Das Ruhrgebiet ist in dieser Angelegenheit u.a. durch den Umstand behindert, daß es an der Aufklärung, der Grundsteinlegung der geistigen + sozialen Moderne Europas, nicht teilgenommen hat, weil es zu Zeiten der Aufklärung noch gar nicht existierte und ein streitbar-aufgeklärter Geist hier bis auf den heutigen Tag auch keinerlei öffentliche
Deutungshoheit in Anspruch nehmen kann; er wüßte denn auch (technisch, publizistisch, forensisch) nicht einmal wo uKAIROS1nd wie.

Kunst fürs 21.  Jahrhundert: Großrojektionen/ Urban Screens:
Kunst & Spiele,
interaktiv,
hyperaktiv,
partizipativ,
umsonst,
draußen,
populistisch,
musikalisch
(F)LUXUS für Alle

Setzen wir das Ende der Aufklärung in Deutschland als historische Epoche in eins mit dem Tod Goethes 1832, so markiert dieser Zeitpunkt in etwa die Geburtsstunde des Ruhrgebiets als einem kohärenten Siedlungsgebiet; wobei die Bezeichnung „Gebiet“ bereits deutlich darauf hinweist, daß wir es hier mit keiner über Jahrhunderte gewachsenen Siedlungsstruktur zu tun haben, sondern mit einem Verwaltungsakt, der sich politisch-strategisch und wirtschaftspragmatisch auf die effiziente Ausbeutung von Rohstoffen bezog. Geologische Lage und Ausdehnung der Flöze bestimmten sowohl Größe und Grenzen der Region sowie die Notwendigkeit  und den genauen Entstehungsort einer neuen Siedlung, der naturgemäß nicht oder nur selten identisch war mit der Lage einer älteren, gewachsenen Siedlung. Das Ruhrgebiet war ein „Kohleförderbezirk“ mit der klar definierten Aufgabe, Energie, Waffen und Logistik für die Kriege zu liefern, die Preußen führen wollte und mußte, um aus einem Flickteppich vereinzelter Fürstentümer eine einheitliche deutsche Nation zu schmieden. In diesem Punkt galt es, mit England und Frankreich historisch aufzuschließen. Das Ruhrgebiet war die Arbeitskolonie der preußischen Metropole Berlin. Aufklärung hat hier nie stattgefunden. Das ist keine These, das ist eine Tatsache.
Die spirituelle Identität Europas entwickelte sich aus den zentralen Begriffen der Differenz, der Autonomie des Subjekts und seiner gestalterischen Freiheit in Verantwortung gegenüber sich selbst und der Gemeinschaft. Am Anfang steht das oikos, das einzelne Haus mit Vieh, Herd und Bewohner, die Bausteine der Polis: Der Polis geht es gut, wenn es dem Einzelnen, den Bewohnern in ihren Häusern gut geht. Dieses Balance zwischen oikos, polis und Mensch ist die Basis der europäischen Auffassung von Ökonomie, daher die zentrale Sorge um das Individuum. Aus diesen Prinzipien resultieren die regulativen Werte (Freiheit, Solidarität, Gleichheit, Toleranz usw.), für die man Europa weltweit respektiert, woran Millionen von Menschen in anderen Erdteilen sich orientieren, wenn sie gegen staatliche Willkür, Despotismus, religiöse Intoleranz und Korruption kämpfen.
Basierend auf diesen Denktraditionen hat die Aufklärung eine komplexe Struktur von Öffentlichkeit, ein Instrumentarium von intellektuellen und künstlerischen Interventionsoptionen geschaffen, die dem Ruhrgebiet zutiefst fremd sind. Daher die Rückstände dieser Region in Sachen Intellektualität, Kunst + Künstler; daher für 5 Millionen Menschen und Hunderttausende von Akademikern und Studenten oder Kulturschaffende eine Zeitung ohne Feuilleton; daher auch der immer wieder beklagte Mangel an selbstgemachten Innovationsschüben: weil von unten nach oben nichts durchkommt.
Aufklärung ist aber nicht nur eine historische und schon gar nicht eine beendete Epoche, sondern eine offene Rechnung, ein offenes und offensiv zu führendes Projekt, das prinzipiell gar nicht abgeschlossen oder zu einem vernünftigen Ende geführt werden kann. Wo Aufklärung nicht von der Stelle kommt, stagniert Menschheitsgeschichte.
2.
Das Ruhrgebiet ist eine noch sehr junge Siedlungsregion. Wenn man auf seine Kindheit schaut, sieht man vor allem Zwang, Arbeit, Düsternis und Tod, pseudo-mittelalterlich-feudale gesellschaftliche Verhältnisse. Diese Kindheit ist inzwischen in vielen Publikationen beschrieben, aber von der Region als Mentalität und gelebtem Kollektiv noch nicht hinreichend verarbeitet. Man scheut das Hinschauen, den Anblick, die Erinnerung. Die Menschen trieb es hierher aus Not, Wirtschaftsflüchtlinge aus ganz Europa erbauten innerhalb eines halben Jahrhunderts das größte industrielle Babylon des europäischen Kontinents, versorgten ein halbes Dutzend Kriege mit Waffen, Munition, Technologie und Logistik.

Die "Belegschaft" des Ruhrgebiets
Die „Belegschaft“ des Ruhrgebiets
Und sie verloren die zwei verheerendsten Weltenkriege aller Zeiten. Der Bergmann, von den Nazis als Erster Soldat an der Heimatfront glorifiziert und – wo er aufmuckte – totgeschlagen, von den aktuellen Reiseführern und Werbebroschüren sentimental verklärt, war in Wahrheit nie ein Sieger.
Scham, gar kollektive Scham, ist ein schwieriges Gefühl. Sie darf sich nicht aussprechen. Anders als Wut, Zorn, Glück oder Freude oder Liebe, kennt sie weder Laut noch Wort. Sie drückt nur. Da greift von den preußischen Tugenden nur die niederste: Der Gehorsam.
3.
Hemingway hat mal gesagt, die beste Voraussetzung für einen guten Künstler sei eine beschissene Kindheit. Voilà, und ich meine das weder ironisch noch sarkastisch: Das Ruhrgebiet hat beste Voraussetzungen und eine realistische Chance, eine echte und starke Region für Kunst + Künstler zu werden. Sie muß diese aber selber hervorbringen: Nicht importieren! Nicht imitieren! Die Theater und vor allem die Kabarettisten und die Comedians der Region sind auf diesem Weg bereits eine weite Strecke voran gegangen. Sie sind die ersten Botschafter der Anarchie, des Ungehorsams, der existentiellen Leichtigkeit und Leichtsinnigkeit, des Lichts – mithin der Aufklärung – und der frischen Luft, die Kunst braucht, um zu entstehen und zu leben und sich zu entfalten. So entsteht zunächst im Widerspruch, im Nicht-Gehorsam: Identität. Eigenes.
Das passiert aber nicht alles von allein. Schon gar nicht entwickelt sich das von allein in die richtige Richtung. Man muß die Chancen nutzen können. Dazu muß man sie sehen können. Und dazu braucht man Abstand. Dieses Können nannten die Griechen KAIROS. Es ist eine Lebenskunst. Provinzialität und Mittelmaß haben weder Abstand zur Welt noch zu sich selber; das macht ihre Blödheit, ihre objektive Boshaftigkeit und leider auch ihre enorme Beharrungsfähigkeit aus. Oder, wie Horvath sagte: „Nichts gibt einem so sehr das Gefühl von Unendlichkeit wie die Dummheit.“ Kunst ist der natürliche Feind dieser Art von Dummheit. Nicht nur aber auch deshalb:
 Mehr Licht! Mehr Kunst! Alle Menschen brauchen Kunst! (F)LUXUS FÜR ALLE!
Der "Kohleförderbezirk" um 1830.
Der „Kohleförderbezirk“ um 1830.
Daß Kunst hier zunächst einmal von außen kommt, ist nur natürlich. Wo sollte sie sonst auch herkommen? Hier wurde nie Kunst produziert, die Bedingungen dafür waren in einem totalitären Ausmaß ungünstig, alle Bereiche menschlichen Lebens, Existierens und Arbeitens waren auf Kunst, auf Ausdruck und Freiheit des Individuums explizit NICHT ausgerichtet. Deshalb wirkt Kunst – zumal im Öffentlichen Raum – hier meist wie Dekoration, die der gelebten Mentalität äußerlich bleibt. Umgekehrt: Wo der Kunstvorgang sich als das Eigentliche inszeniert (in Festivals, Open-Air-Inszenierungen), wird die Region selber schnell zur Kulisse. Schon jeder Schimansky-Krimi degradierte reflexartig das Ruhrgebiet zur Kulisse des Typischen, pittoresk armselige location.
Nicht ein einziger von Deutschlands „großen“, d.h. auch auf den internationalen Kunstmärkten gehandelten Künstlern, lebt in der 5-Millionen-Metropole Ruhrgebiet. Nicht einer. Das ist eine ebenso traurige wie unbeachtete Tatsache. Scham & Vorurteil: Was aus dem Ruhrgebiet kommt, kann keine große KUN$T sein, sagt das Dogma. Wenn’s große Kunst sein soll (weil nur dafür der Geldgeber bezahlt), darf’s nicht aus dem Ruhrgebiet kommen: Der perfekte circulus vitiosus. Und in der Praxis eine willkommene self fulfilling prophecy: Wenn man die künstlerischen Hochbegabungen aus der Region vertreibt, weil sie hier wg. mangelnder Infrastruktur keine Chance auf eine internationale Karriere haben, ist das, was übrig bleibt, eben nur das, was übrig bleibt. Das gleiche gilt für die intellektuellen Hochbegabungen. So erspart man sich auch den täglichen Umgang mit Künstlern und Intellektuellen. Sind eh zu lästig.
Wir sollten mit dem Einkaufen sogenannter großer Kunst und großer Künstler von auswärts als dem einzigen, jedenfalls dominierenden Modell von Kunst- und Kulturpolitik aufhören und endlich umsteuern; das bleibt sich sonst gegenseitig immer fremd, wird hier nie heimisch. Wir müssen stattdessen anfangen, große Kunst und große Künstler hier zu ermöglichen. Wir müssen Kunst säen, damit wir Freiheit ernten können. Es ist verständlich, daß Kunst, auch wo sie das „URBAN“ im Namen trägt und von hier aus organisiert wird, zunächst in der freien Landschaft aufgebaut wird; denn da ist der strukturelle Widerstand geringer als in den Städten. ABER: Kunst entsteht gerade durch Widerstand, Künstler wachsen und Form gewinnt am Widerstand. wer sich dem objektiven Grau dieser Städte als Künstler (oder als Stadtentwickler, Stadtverantwortlicher) nicht gewachsen fühlt, soll Holz hacken gehen.
Geld ist beim Aussäen, bei der Förderung von Kunst ein notwendiges , ein unverzichtbares Mittel. Es ermöglicht die Arbeit am Widerstand, wenn es denn richtig eingesetzt wird. Mit Geld kauft man Saatgut, und das möglichst reichhaltig + divers. Wer beim Säen auf das einzelne Korn setzt, hat das Prinzip nicht verstanden. Das Prinzip lautet: Gezielte Verschwendung. (F)LUXUS FÜR ALLE. Kunst ist Brot.
Es geht nichts ohne Geld, aber Geld bringt selber nichts hervor außer Geld. Zum urbanen Leben brauchen wir aber auch urbane Schönheit und eine kollektive urbane Identität: Wir brauchen mehr Kunst in den Städten. Wir brauchen die Stadt selber als Kunstwerk! Diese Transformation haben andere europäische Metropolen bereits im 19. Jahrhundert vollzogen; das prägt und befördert diese Städte noch heute. Wir müssen das nachholen, sonst bleiben wir zeitlos abgehängt, Zentrum zweiter Ordnung, Möchtegern-Metropole, ewige Sitzenbleiber.
4.
 Die Beantwortung der Frage, ob das Ruhrgebiet eine Zukunft als eine sog. „Metropole“ oder überhaupt eine nennenswerte Zukunft haben kann, hängt unmittelbar davon ab, ob diese Region für sich ein neues großes, zukunftsfähiges und von den Massen mitgetragenes Thema findet oder nicht. Der thematische Dreiklang MONTAN – STAHL – KRIEG ist historisch passé und ein für allemal erledigt. Was tritt an dessen Stelle? Das alte Thema wurde zwar von den Massen mitgetragen, aber nicht freiwillig. Das neue Thema sollte auf einem wirklichen Konsens und auf einem tatsächlichen massenhaften Interesse, einer gesellschaftlichen Not-Wendigkeit beruhen. Eine Metropole ist die Mutterstadt einer Kolonie, ist Heimat und Geburtsstadt einer großen Idee, die von dort aus in die Welt getragen wird. Den größten Teil seiner bisherigen Geschichte war das Ruhrgebiet selbst Kolonie. Die Bergarbeitersiedlungen hießen „Kolonien“, und sie hießen so, weil sie es waren. Das Ruhrgebiet bestand fast nur aus solchen Siedlungen. Die Metropole war Berlin, Preußen; ist es immer noch. Keine Kolonie bekommt die Freiheit oder gar einen eigenen Metropolenstatus einfach so geschenkt; schon gar nicht von einer Werbeagentur. Das sollte man in Europa und auch im Ruhrgebiet eigentlich wissen.
Von einer wirklichen Metropole ist die Region Ruhrgebiet auch deshalb noch so weit entfernt, weil sie kein neues Thema gefunden hat, mit dem sie sich identifizieren und das sie – als Mutterland – in die Welt exportieren könnte. Wenn wir dieses Thema finden, wächst auch die Metropole heran (allerdings – siehe oben – nicht von allein). Die Themen, die dem Ruhrgebiet bislang angetragen wurden, haben nicht gezündet. Wenn wir realistisch sind – und nur das ist hilfreich – ist das eine Erkenntnis, jetzt, 6 Jahre nach 2010.
Indes, es gibt ein solches Thema. Es heißt: Digitalisierung. Genauer: Digitalisierung mit europäischem Antlitz. Die Wissens- und Wissenschaftsregion Ruhrgebiet ist der prädestinierte, ideale europäische Ort, um eine Zweite Aufklärung zu starten. Wie lassen sich post-industrielle Polis, globale Migration, Schutz/Rechte/Pflichten des Individuums und der Kollektive/Communitys, Ökonomie und Digitalisierung und digitaler Verbraucherschutz unter einen Hut bringen? Wie kann man die umfassende Digitalisierung aller Lebensbereiche, wie lassen sich ihre apps und tools und facilities und ihre gefräßige Allgegenwart nutzen, um gesellschaftlichen Kitt aufzubauen und der Desintegration von Gesellschaft, dem Auseinanderdriften von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik entgegenzuwirken?
Kürzer: Wie lassen sich die 3 Grundgesetze der Digitalität (Ubiquität, Simultaneität, Konvergenz der beteiligten Medien) für den Zusammenhalt der urbanen Polis und im Sinne der Sorge um das Subjekt nutzbar machen?
„Die digitale Revolution ist nicht so sehr ein technologischer Trend. Sie ist eine neue Form für Gesellschaften, ihren Willen auszudrücken und sich zu organisieren.“  (Alan Rushbridger, ehemaliger Herausgeber der Herald Tribune) Und sie ist die am schnellsten wachsende Infrastruktur seit Menschengedenken. Sie umfaßt, reguliert und transformiert alle Bereiche des menschlichen Lebens – auch die Kunst! Die Digitalisierung der Kunst ist ein außerordentlich spannender Vorgang. Sie bringt nicht nur neue Möglichkeiten, Kunst medial zu „transportieren“, sie gleichzeitig an verschiedenen Orten vor Tausenden von Menschen zu zeigen. Sie bringt auch ganz neue Kunstformate und Kunstformen hervor.
Digitalisierung ist auf diesem Planeten ubiquitär und simultan zugleich. Dieser Eindruck von einer totalitären globalen Struktur und Dynamik ist objektiv beängstigend und stellt die menschliche Zivilisation und ihre Kultur vor eine große Herausforderung.
In dieser Situation sind es gerade europäische Begriffe und Werte, die uns die Denkmittel an die Hand geben, diesen totalitären Aspekt von Digitalität zu kontrollieren und zu zähmen, sie als Technik menschlichem Handeln und zivilisatorischen Zwecken unterzuordnen und dienstbar zu machen. Wo Digitalität als universeller Problemlöser zu einer Universalideologie idolisiert wird, macht sich der Mensch zum Sklaven der Technik. Es ist daher nicht nur im Sinne von Menschheitsgeschichte zweckmäßig, es ist unumgänglich, eine Digitalität mit europäischem Antlitz zu schaffen und die Autonomie des Menschen gegenüber der Technik auch in diesem Fall zu behaupten, zu begründen und zu verteidigen.
Wie bewältigen wir also die Migration der zentralen Werte der aufgeklärten europäischen Identität (Freiheit, Solidarität, Gleichheit, Gerechtigkeit, Toleranz, Menschenwürde, Autonomie) in die Sprache, in die Algorithmen, Prozeduren und Objekte der Digitalität? Europa (das Ruhrgebiet vorneweg) wird entweder eine Antwort auf diese Frage finden oder es wird im 21. Jahrhundert eine digitale und damit historische Provinz werden.
Einfacher + übersichtlich gesprochen: Europa braucht eine Antwort auf die Herausforderungen digitalisierter und globalisierter Lebensräume und eine Fortschreibung der Aufklärung ins Jahrhundert der Digitalisierung. Das Ruhrgebiet braucht ein neues existentielles + massenkompatiblesThema und muß Aufklärung nachholen. Nutzen wir den günstigen Augenblick aus Notwendigkeit und Möglichkeit für die Formulierung/Formatierung von Aufklärung 2.0 und holen wir diese Aufgabe ins Ruhrgebiet. Machen wir das Ruhrgebiet zum internationalen Zentrum für eine Digitalisierung mit europäischem Antlitz.
Eins war das Ruhrgebiet schon immer: Ein Zukunftslabor für neue Technologien, eine Lokomotive. Daran können wir anknüpfen. 53 Städte und Dutzende von Universitäten, Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Dazu eine leistungsstarke Mittelschicht exzellente digitale HighTec-Manufakturen und Dienstleister und ein paar große Player. Wo, wenn nicht hier? Machen wir das Ruhrgebiet zum Zentrum für europäische Digitalisierung! Und holen wir Kunst + Künstler dabei mit ins Boot.
5.

Was hat das alles mit Kunst, mit den Künstlern zu tun? Ganz allgemein geantwortet: Der Respekt vor Kunst und Künstlern, die Freiheit von Kunst und Künstlern sind ein Gradmesser für den zivilisatorischen Status einer Gesellschaft, für ihre Selbstachtung, den Respekt vor sich selbst und ihrer Geschichte. Deshalb sind diese Werte kennzeichnend für eine aufgeklärte Gesellschaft, deshalb sind sie in unserem Grundgesetz festgeschrieben; deshalb werden sie gerade andernorts mit Füßen getreten, mit Bulldozern dem Erdboden gleichgemacht und in die Luft gesprengt, und genau deshalb müssen wir sie verteidigen. Das ist Selbstverteidigung. Kunst ist immer auch Kampfsport. Demokratie, Freiheit und Fortschritt aber auch.

Die Zerstörung von Palmyra: „Der Respekt vor Kunst und Künstlern, die Freiheit von Kunst und Künstlern sind ein Gradmesser für den zivilisatorischen Status einer Gesellschaft.“
Die Zerstörung von Palmyra: „Der Respekt vor Kunst und Künstlern, die Freiheit
von Kunst und Künstlern sind ein Gradmesser für den zivilisatorischen Status
einer Gesellschaft.“
Die neuen, großen und spannenden Formate „digitaler Kunst“ finden vor allem in der Öffentlichkeit statt. Sie entwickeln Mischformen aus Bildender und darstellender/performender Kunst, Spiel und massenkompatibler Unterhaltung. Sie inszenieren den Öffentlichen Raum der urbanen Polis, schaffen Orientierung und Identität. „Urban Screens“ transportieren und transformieren Kunst: Was an einem Ort im Original stattfindet, wird gleichzeitig als öffentlicher Vorgang, als kollektives Erlebnis und ästhetisch-technische Inszenierung der Stadt auf andere Orte projiziert. Eine Veranstaltung in der Bochumer Jahrhunderthalle hat mit einem Mal und simultan nicht nur 4000 sondern 40.000 oder 400.000 öffentliche Zuschauer. Urban Screens und ihre unterschiedlichen Anwendungen und Derivate – ob als Großbildprojektion oder in LED-Technik, ob stationär oder mobil – produzieren aber auch eigene und ganz neue Kunstformen; wie die Projektionskunst, deren Geburt wir gerade miterleben.
Urban Screens sind keine Werbeplattformen und keine Fortsetzung von visual pollution mit den Mitteln digitaler Technik. Sie können komplexe Informationen darstellen, lokale/regionale politische Prozesse transparent machen oder beim modernen Quartiersmanagement nützliche Funktionen übernehmen. Sie können Kunst sein und Kunst ausstellen. Sie sind das wahrscheinlich wichtigste Instrument bei der Wiederbelebung einer Idee, die keine Region auf der Welt so nötig hat wie das Ruhrgebiet: Die Idee von der Stadt als Kunstwerk.
Die internationale Urban-Screen-Community ist eine höchst kreative Mischung aus Urbanisten, Künstlern, Designern, Unternehmern und Wissenschaftlern ganz unterschiedlicher Fakultäten. Erforschung, Entwicklung und Produktion rund um die „Urban Screens“ bergen ein enormes wirtschaftliches Zukunftspotential für das Ruhrgebiet. Sie sind das öffentliche Massenkommunikationsmedium für die digitale Polis und eine produktive Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Kunst + Künstler werden bei der Gestaltung des Öffentlichen Raums im 21. Jahrhundert, im Jahrhundert der Digitalität eine entscheidende Rolle spielen.
Nutzen wir die Kunst des Augenblicks: Kairos.